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Wahrheit auf der Bühne

(aus dem Programmheft zu meinem Stück „Comeback im Gegenlicht“)

Warum schreibt man ein Bühnenstück „basierend auf einer wahren Geschichte“?

Es gibt ihn wirklich, diesen Opernsänger der gerade im Moment, in dem die ganz große Karriere begann, sein Augenlicht verlor. Er ist zu stolz, das Mittleids-Etikett „der blinde Sänger“ zu nutzen. Als ich ihn kennenlernte, war er bereits durch jenes dunkle Tal geschritten, das ich in „Comeback“ beschreibe. Er war damals schon Lehrer – eher Guru, denn seine Sensibilität und Suggestivkraft in der Arbeit mit Studenten sprengen jede Vorstellung. Sein Unterricht ist nicht theoretisch, sondern hoch emotional. Er singt und lebt dabei jede Phrase selbst vor. Ich erlebte, wie er (er ist Bariton, also eine eher tiefe Stimme) Tenören brillante Spitzentöne in ihrer eigenen Lage vorsang. Mit diesem Künstler wollte ich auftreten – unbedingt! Ich organisierte einen ersten Liederabend und wurde seither beglückt durch unzählige gemeinsame Auftritte, von denen jeder einzelne für mich ein emotionales Erlebnis war.

Unsere Verbindung ist noch enger: auch ich habe ein Augenproblem, das glücklicherweise nicht den schlimmsten Ausgang genommen hat. In der Zeit als wir uns kennenlernten, war der Horror des Erblindens aber auch für mich eine beängstigend realistische Möglichkeit – und auch ich hatte infolge nachlassender Sehkraft einen Unfall bei hoher Geschwindigkeit…

Wir sprachen in jener Zeit viel, er zeigte mir, wie man mit diesem Verlust umgeht, welche technischen Hilfen es gibt – und brachte mich zu seinen Ärzten in Houston, die ihm nicht hatten helfen können, für mein Problem aber eine Lösung fanden.

Er heißt DOUGLAS YATES. Seine Figur in „Comeback“ aber nenne ich ADRIAN BLACK. Warum?

Diese Entscheidung hat zu tun mit dem Unterschied zwischen Wahrheit und Fiktion: 
Fiktion muss Sinn ergeben!

Auch wenn die Lebensgeschichte von Douglas Yates eine Abfolge von Ereignissen ergibt, die jeder spontan mit dem Ausruf kommentiert „das ist ja wie im Film!“, wäre die Realität auf der Bühne doch ziemlich unbefriedigend: Dinge passieren ohne Sinn und Zweck, es gibt eine unübersichtliche Vielzahl von handelnden Personen deren Motive völlig im Unklaren bleiben, die persönliche Entwicklung der Hauptfigur liesse sich höchstens erahnen und im Grunde würde jede Szene das Gleiche erzählen: Die Hauptfigur will etwas erreichen und scheitert, weil das böse Schicksal ihr das Augenlicht genommen hat.

Auf der Bühne taugt der Schicksalsschlag nicht zum Gegenspieler. Er ist Auslöser, mehr nicht.

Als ich begann, ein Stück über Douglas Yates zu schreiben war mir klar, dass ich die innere Entwicklung zeigen muss, die zu seinem Charakter geführt hat. Das Stück braucht einen realen Gegenspieler, eine Art „dunklen Zwilling“, der nicht nur die Gegenposition einnimmt, sondern auch aktiv handelt, sowie mindestens noch eine weitere starke Figur, von der man nicht weiß, ob sie Freund oder Feind ist.

Ich konstruierte also ein Geflecht von Motiven und Handlungen einer kleinen Gruppe von Figuren, die nachvollziehbar zu den realen Eckdaten des Lebens von Douglas Yates geführt haben könnten. Um ihre Entwicklung klarer zu zeichnen, änderte ich dabei auch die Hauptfigur – aus Douglas Yates wurde Adrian Black. Natürlich änderte ich auch alle anderen Namen…

Wie viel Wahrheit bleibt dann noch übrig?

Bei den Proben erzählte mir Douglas Yates zu praktisch jeder Szene, die ich mir ausgedacht hatte um eine bestimmte Entwicklung zu zeigen, dass er genau diese Situation tatsächlich erlebt hat! Die handelnden Personen hatten andere Namen, es waren verschiedene Personen und andere Zeiten – aber den Kern der Situation habe ich genau getroffen. Eine Arie musste ich einen Ton tiefer transponieren, als er sie sonst singt: Douglas Yates braucht diese Sicherheitsspanne, weil diese Szene einen entscheidenden Moment in seinem Leben so genau trifft, dass er Bedenken hat, dabei die professionelle Distanz eines Bühnendarstellers wahren zu können.

Das war manchmal fast schon unheimlich:
Die Kunst zeigt das wahre Gesicht der Dinge.

Mehr über das Stück und die Produktion „Comeback im Gegenlicht“ erfahren Sie auf der Website comeback.operassion.de  

 

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