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Die Kunst des Weglassens

Richard Strauss’ Helden-Epos „Guntram“ ruht in einer Schublade mit dem Etikett „zurecht vergessen“. Fälschlicherweise!

Für einen besonderen Anlass sollte ich Strauss‘ dreieinhalb-Stunden-Oper auf bezahlbare 3 Sänger, 3 Instrumente und die geladenen Gäste nicht überfordernde 35 Minuten schrumpfen. Dabei lernte ich nicht nur die Größe dieses Werkes in jedem Sinne kennen, sondern erfuhr auch, wieviel Klarheit durch Weglassen gewonnen werden kann.

Richard Strauss’ erste Oper Guntram gilt als Wagner nacheiferndes Frühwerk. Wer sich näher mit dem Werk beschäftigt wird aber entdecken, dass diese Oper jenseits ihrer etwas wirren Handlung um eine Tannhäuser/Lohengrin/Tristan-Figur komplexer, moralisch und auch musikalisch vielschichtiger ist als fast alles, was man auf den Opernbühnen hören kann. Strauss selbst nannte das Werk in seinen Erinnerungen revolutionär.

Als er seine erste Oper komponierte, wusste Strauss, was er tat: er war knapp 30 Jahre alt und hatte mit den Symphonischen Dichtungen Don Juan und Tod und Verklärung längst seinen Stil gefunden. Eulenspiegel und Zarathustra folgen direkt auf den Guntram, auch Heldenleben atmet noch den gleichen Geist. Als Kapellmeister hatte Strauss zu jener Zeit bereits Wagners Opern Lohengrin, Tannhäuser und Tristan dirigiert. Er war alles andere als unerfahren.

Die Schwierigkeiten des Guntram liegen woanders: in Strauss’ Künstlerpersönlichkeit und in seinem – aus heutiger Sicht modernen – Verständnis von Musiktheater.

Richard Strauss ist einer der ganz wenigen Künstler, die ihr Talent über die Jahre nicht entwickeln müssen, sondern auffächern können. Fast von Anfang an steht ihm die volle Palette an Farben und Techniken zur Verfügung. Viele Kritiker werfen Strauss Rückwärtsgewandheit vor, da seine frühen Meisterwerke Elektra und Salome „moderner“ (dissonanter) klingen als spätere Kompositionen wie der „Rosenkavalier“ oder „Vier letzte Lieder“.

Diese Kritiker verkennen Strauss’ künstlerischen Ansatz. Er schreibt keine absolute Musik, die in einer Art von Jungfernzeugung aus sich selbst heraus in Motivischer Arbeit entsteht und deren Stil von Beethoven über Brahms bis zur Zweiten Wiener Schule als eine logische Entwicklung verstanden werden kann, bei der jedem Schritt in Richtung Komplexität und Dissonanz zwangsläufig der nächste folgen muss.

Strauss verwahrt sich aber auch dagegen, nur illustrierende Programm-Musik zu schreiben:

„Für mich ist das poetische Programm nichts weiter als der Form-bildende Anlass zum Ausdruck und zur rein musikalischen Entwicklung meiner Empfindungen – nicht, wie Sie glauben, nur eine musikalische Beschreibung gewisser Vorgänge des Lebens.“

Dieses Zitat offenbart seine Arbeitsweise: der Dramatische Vorwurf bedingt die eigenständige musikalische Umsetzung. Das ist Musikdrama, die komplexeste aller Kunstformen.

Hier liegt das Problem seiner ersten Oper verborgen: es ist nicht die Komposition, es ist das Libretto. Strauss wählte sein philosophisch-moralisches Thema zu weit und entsprechend der ausufernden Handlung geriet ihm auch die Komposition uferlos. Eine faire Kritik wäre kein herablassendes „noch nicht“, sondern ein ehrfürchtiges „zu viel“: im Guntram findet sich JEDER Stil des Komponisten: von Don Juan über Salome bis zu Vier letzte Lieder!

Aber auch, wenn das Libretto für eine Oper zu komplex, die Handlung gar absurd erscheinen mag, die Kernfrage des Werkes ist hoch aktuell:

Kann ein Verbrechen moralisch gerechtfertigt werden durch seine Folgen oder durch das auslösende Motiv?

Diesen Kern lege ich in den 35 Minuten meiner Bearbeitung für Kammerensemble frei. Alles drumherum muss ich glücklicherweise weglassen. Und siehe da: plötzlich wird das Werk spannend, berührend und klar. Man kann tatsächlich durch dramaturgisches und musikalisches Verdichten zu einer Essenz gelangen, die die Faszination des vergessenen Werkes in unsere Gegenwart holt! Plötzlich verstehen wir heute die moralischen und musikalischen Gedanken dieses großen Künstlers der ausklingenden Spätromantik. Gedanken, die bis heute nichts an Aktualität eingebüßt haben.

Es geht um Liebe, Verrat und Mord, aber auch um Verantwortung und Vergebung. Vor allem aber geht es um die Ambivalenz menschlicher Motive.

So in ein Werk zu schneiden, ist Interpretation mit der Brechstange, aber doch gelangt sie genau an den Punkt, an dem Kunst fasziniert.

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Und wie hört sich das an?

Leider habe ich keine „richtige“ Aufnahme, aber immerhin den Ausschnitt einer Probe mit Trine Bastrup Møller (Sopran), Irene Husmann (Geige), Antje Steen (Akkordeon) und mir selber am Klavier.

  1. Guntram: Arie Freihild (Ausschnitt) Richard Strauss - Fabian Dobler 2:25
  2. Guntram Vorspiel (Ausschnitt) Richard Strauss - Fabian Dobler 2:00

 

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